Zero Waste statt recycling - Luftbildaufnahme einer Mülldeponie in Indonesien

Die internationale Recycling-Lüge

Gegen die unglaubliche Plastikflut an-recyceln zu wollen, ist in etwa so, als würde man den Rhein mit einem Putzeimer daran hindern wollen, über die Ufer zu treten. Die internationalen Konzerne tischen uns zudem seit Jahrzehnten eine Recycling-Lüge auf. Nett verpackt in Plastik natürlich. Und mittendrin: die Europäer.

In diesem Artikel geht es um deinen Müll und was damit passiert, nachdem du ihn vor die Tür gestellt hast. Im guten Glauben natürlich, dass sich Fachleute seiner annehmen und so entsorgen, dass dem Planeten und seinen Bewohnern so wenig wie möglich Schaden zugefügt wird. Doch dem ist in vielen Fällen leider nicht so.

Zero Waste oder Recycling? Was für ein Müll!

Dies ist der dritte Anlauf, den ich nehme. Im mentalen Auftragsbuch hatte ich ursprünglich “Zero Waste oder Recycling” vermerkt. Heute weiss ich nicht mehr, was ich mir dabei nur gedacht habe.

Also ein Ratgeber. “Zero Waste statt Recycling.” Lieber Plastik vermeiden als es aufwändig aufzubereiten und in verminderter Qualität wiederzuverwenden. Klingt gut, machen wir so.

Unsichtbares Elend

Dann habe ich angefangen, das Thema “Plastik und Recycling” ein wenig tiefgründiger zu recherchieren und mir ist schlecht geworden. Da trennen wir Europäer seit Anfang der 90er fein unseren Müll und am Ende einer langen Reise landet der ganze Schei Kehricht dann doch auf der Deponie. Zwar ist die illegal, zum Glück aber weit weg in Malaysia, da sehen wir das Elend wenigstens nicht.

Dann dachte ich: “Aber die Schweizer sind doch selbsternannte Weltmeister im Recyceln. Da muss es doch viel besser laufen.” Denkste. Während bei Papier, Glas und Metall noch alles in Ordnung ist, ist die Schweiz beim Thema Plastik eine genau so grosse Umweltsau wie alle anderen und verbrennt den allergrössten Teil ihres Kehrichts.

Der Ratgeber: für heute gestrichen. Stattdessen gibt’s ne Aufklärung in Sachen Plastik und “Recycling” in Schrift und bewegten Bildern. Dass dabei auch der eine oder andere Tipp zur Vermeidung von Plastik abfällt, ist höchstens ein Bonus.

800.000 Tonnen Plastikabfall in der Schweiz

Jedes Jahr fallen in der Schweiz rund 800.000 Tonnen an Plastikabfall an. Würde man den ganzen Kehricht auf 40-Tonner Lkw laden und diese aneinanderreihen, würde sich eine Lkw-Schlange von Zürich nach Kapstadt in Süd Afrika bilden.

Das wäre aber aus so vielen Gründen sinnlos, dass wir uns das schenken. Können wir auch, denn mehr als 80% dieses Plastikabfalls wird in Kehrichtanlagen – wait for it – verbrannt! Nur rund zehn Prozent werden überhaupt rezykliert, mehr als die Hälfte davon sind allerdings PET-Flaschen.

Plastik-Recycling spielt keine Rolle

Die Wiederverwertung von Kunststoffen wird bei den Eidgenossen so stiefmütterlich behandelt, dass Swiss Recycling, der Dachverband der Schweizer Recycling-Systeme, nicht einmal die offizielle Quote bekanntgibt. Während man sich mit der Wiederverwendung von Glas, Metal und Papier in einem Jahresbericht stolz brüstet, tauchen Kunststoffe – abgesehen von der heiligen Kuh, der PET-Flasche – nicht in der Statistik auf.

PET nicht das Problem

Die PET-Flasche ist aber gar nicht das Problem. Um die reisst sich jeder Abfallhändler und zahlt Höchstpreise. Wir können gar nicht genug sammeln, in Ballen pressen und auf die Reise schicken, um den internationalen Bedarf an Kunststoff zu decken, bei dem die Aufbereitung kostengünstiger ist als die Herstellung (Beim Recycling von sortenreinem Kunststoff werden etwa 20 Prozent weniger Energie benötigt als bei der Produktion von neuem Plastik).

82 Prozent aller PET-Flaschen in der Schweiz werden recycelt.

Swiss Recycling

Erzfeind Einwegverpackung

Unser Problem heisst “Einwegverpackung”. Mehr als 75 Prozent unseres Plastikmülls besteht aus Verpackungen, sei es die Plastiktüte für Tiefgefrorenes, die Schale aus Polystyrol, in der das Fleisch verpackt ist oder die Folie, die es abdeckt.

Nachdem ich diese Zahl gelesen habe, bin ich mal durch unseren gelben Sack gegangen und bin auf eine deutlich höhere Zahl gekommen. Unser “Recyclingmüll” besteht zu nahezu 100 Prozent aus Verpackungsmaterial, vom dämlichen mit Kunststoff beschichteten Papiertütchen, in das jeder Teebeutel eingeschweisst ist, über Getränkeverpackungen bis hin zu Hundefutterdosen.

Verbundstoffe können nicht recycelt werden

Aber es kommt noch schlimmer: Die ganz grosse Masse dieses Verpackungsmüll kann nicht recycled werden. Entweder, weil es sich wirtschaftlich nicht lohnt, oder weil es technisch nicht machbar ist. Die allermeisten Verpackungen, in denen Tiefkühlkost, Süssigkeiten oder Toilettenpapier verkauft werden, sind nämlich nicht sortenrein.

Anstatt nur eine Sorte Kunststoff zu verwenden, der einfach wiederverwendet werden könnte, schichtet die Industrie mehrere Lagen verschiedener Kunststoffe zu einem sogenannten Verbundstoff. Der Vorteil: Er ist haltbarer. Der Nachteil: Er ist haltbarer. Die Verrottung dauert bis zu 500 Jahre und führt zu einer Belastung des Bodens und Wassers mit Mikroplastikpartikeln.

Down cycling

Zwar hat ein deutsches Unternehmen jetzt ein Verfahren entwickelt, mit dem sich bestimmte Verbundstoffe wieder trennen lassen. Dabei kommt es allerdings zum Einsatz grosser Mengen an Chemikalien und der Energieverbrauch macht das Endprodukt zu teuer, um am Markt Relevanz zu haben.

So bleiben also nur zehn Prozent an Plastikmüll, den es lohnt, zu recyceln. Na ja, recyceln. In den allermeisten Fällen ist es vielmehr ein down cycling. Aus dem Jogurtbecher wird nämlich nicht etwa ein neuer Jogurtbecher. Dafür ist die Qualität des Rezyklats viel zu schlecht. Das taugt dann bestenfalls noch zur Produktion von Parkbänken oder Blumentöpfen. Super. Wir haben zwar nichts mehr zum Angucken, weil alles im Müll erstickt, aber wenigstens haben wir genug Bänke um das Elend bequemer auszusitzen.

Geschönte Zahlen

Während man in der Schweiz überhaupt keine verlässlichen Zahlen von den offiziellen Verbänden bekommt, wird beim deutschen Nachbarn schlicht gelogen. So brüstet sich das Bundesumweltamt mit “Recycling-Quoten” von Kunststoffverpackungen im Jahr 2016 in Höhe von 48,4%. Glaubst du nicht? Guckst du hier:

Grafik von Recycling-Quoten in Deutschland

Das ist natürlich völliger Humbug und hat mit der Wirklichkeit nicht mal ansatzweise etwas zu tun. Für die deutschen Politiker und kommerziellen Müllverwerter zählt einzig und allein, was vorne in die Recyclinganlage reingeht. Dass nur ein Bruchteil des eingehenden Plastikmülls tatsächlich in einen Rohstoff verwandelt werden kann, aus dem wieder neue Produkte (und seien es auch minderwertigere) hergestellt werden können, wird in den offiziellen Zahlen nicht berücksichtigt. Eine Anfrage der Grünen im Bundestag hat ergeben, dass es tatsächlich nur knapp über 5 Prozent des Plastikmülls ist, der effektiv recycled wird.

Wortspielereien

Nicht nur hinsichtlich der Quote wird geschummelt. Unsere Politiker ergehen sich auch gerne in Wortspielereien und -klaubereien. So wird statt “Recycling” gerne das Wort “Wiederverwertung” genutzt. Dem Bürger fällt es oft gar nicht auf, denkt er doch, der Lokalpolitiker wolle nur ein deutsches Wort statt des englischen nutzen. Weit gefehlt. Der Wahnsinn hat Methode. Eine Wiederverwertung kann nämlich auch die Verbrennung in einer Kehrichtanlage bedeuten, bei der ein kleiner Anteil Strom und eine ordentliche Menge an Fernwärme produziert und in den Kreislauf eingespeist werden kann. Die Menge an Strom ist allerdings so gering, dass sie in der Schweiz beispielsweise nicht mehr als 2% der Gesamtproduktion ausmacht.

Und auch der Weiterverkauf an so genannte Drittverwerter im Ausland ist gesetzlich immer noch als Wiederverwertung zu betrachten. So gelangt deutscher und auch schweizer Müll (die Schweiz verkauft jedes Jahr Tonnen unsortierten Mülls ans Nachbarland) an tropische Strände in fernen Ländern, in denen er in den allermeisten Fällen auf illegalen Deponien am Rande verarmter Siedlungen abgelagert wird.

Exportschlager: Europäischer Müll

Bis zum Jahr 2018 ging ein grosser Teil des internationalen Mülls ins Reich der Mitte. Der Deal war, dass Verpackungsabfall und Kunststoffe, die bei uns nicht recycled werden konnten, nach China exportiert werden, wo sich die Aufbereitung der Verbundstoffe aufgrund niedrigerer Lohnkosten immer noch lohnte.

In Realität aber nutzte die Welt China 20 Jahre lang als ihre Müllkippe. Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, die USA – kaum ein Land, dass seinen Müll nicht containerweise Richtung Asien schickte. Von sortenreinem Kunststoff konnte keine Rede sein. Siedlungsabfälle, Bauschutt und Plastik kam in riesigen Ballen kunterbunt gemischt an, tropfend nass und zum Himmel stinkend.

Ein Recycling war so natürlich nicht möglich und so führten die Abfallmassen – mehrere Millionen Tonnen pro Jahr allein aus Europa – zu massiven Umweltproblemen in China. Beispielsweise ist der Jangtse-Fluss der am stärksten mit Plastikmüll verschmutze Fluss der Welt.

China reicht es

Die Chinesen guckten sich das Spiel einige Zeit mit an und versuchten, so lange wie möglich gute Mine zum bitterbösen Spiel zu machen. Doch irgendwann ist auch die Geduld des freundlichsten Asiaten erschöpft und so machte das Reich der Mitte im Jahr 2018 die Schotten dicht. Seitdem darf offiziell kein ausländischer Abfall mehr ins Land eingeführt werden.

Europa und der Rest der Welt mussten sich etwas einfallen lassen, was allerdings nicht lange dauerte. Schliesslich lag die Lösung doch so nah, praktisch um die Ecke: Malaysia, Indonesien und andere Staaten in Südostasien füllten die Lücke, die der grosse Nachbar hinterlassen hatte.

Seit 1950 wurden mehr als 9 Milliarden Tonnen Plastik produziert.

Plasticseurope

Dioxine und Furane auf illegalen Deponien in Malaysia

Vor allem illegale Recyclingunternehmen in Malaysia sind dankbare Abnehmer für die stinkenden Massen. Sie kaufen den Müll, lassen ihn von Hand sortieren und von den Ärmsten der Armen herausfischen, was sich noch irgendwie zu Geld machen lässt. Die ganz grosse Masse des Kehrichts aber landet auf illegalen Mülldeponien am Rande von Siedlungen oder wird verbrannt.

Dabei werden giftige Stoffe freigesetzt, unter anderem Dioxine und Furane. Die atmet die Bevölkerung teilweise über Stunden und Tage ein, wodurch die Häufung von Lungenerkrankungen vor allem unter Kindern explodiert ist.

Stand April 2020 scheint es so, als habe aber auch Malaysia begriffen, welches Monster sie sich das ins Nest geholt haben. Vor kurzem haben die Behörden damit begonnen, tonnenweise Müll wieder zurück ins Herkunftsland zu schicken. Auf die Zahl der illegal operierenden Müllhändler hat sich das bisher aber kaum spürbar ausgewirkt – wenn überhaupt. Ein relativ aktuelles Video von Greenpeace zeigt die Zustände in dem südostasiatischen Land.

Das Ammenmärchen von der sauberen Verbrennung

Und jetzt stehen wir bald wieder da mit unserer Flut aus Plastikabfall. 26 Millionen Tonnen an Kunststoffen wandern jedes Jahr in den europäischen Müll und nicht einmal 10% werden davon anders wiederverwertet als sie zu verbrennen. Dass das absolut sauber sei, ist das nächste Ammenmärchen, das wir glauben sollen. Die Wahrheit sieht leider ganz anders aus.

Giftige Feinstäube

Es entsteht nämlich sehr wohl Abfall vom Abfall – und der hat es in sich. Zwar konnte die Luftbelastung dank moderner Filteranlagen bis auf wenige Prozent gesenkt werden (was noch lange nicht bedeutet, dass der Schadstoffausstoss unbedenklich wäre). Bei der Verbrennung von Kehricht werden allerdings krebserregende Stoffe wie Furane und Dioxine freigesetzt. Und auch die anfallenden Aschen und Stäube enthalten Stoffe, die mit Atemwegserkrankungen, Nervenerkrankungen, Krebs und Geburtsdefekten in Verbindung gebracht wurden.

In Deutschland fallen jedes Jahr 350.000 Tonnen dieser hochgiftigen Filterstäube an. Unter extremen Sicherheitsbedingungen müssen sie zunächst in einer Salzlösung verflüssigt werden, bevor sie dann in einem alten Stollen eines Bergwerks im Osten der Republik vergraben werden können.

Millionen Tonnen an Schlacke

Doch damit nicht genug. Am Ende der ganzen Prozesskette bleiben fünf Millionen Tonnen fester Bestandteile übrig, derer man sich entledigen muss, die sogenannte Schlacke. Die Deutschen verwenden sie sowohl im Strassenbau als auch als einen Ersatzbaustoff, unter anderem für Lärmschutzwälle.

Über solche Praktiken können die Schweizer nur den Kopf schütteln. Im Alpenland ist das Verbauen von Schlacken in welcher Form auch immer strengstens verboten. Hier werden rund 30 Prozent mehr Metalle und Schadstoffe aus der Schlacke extrahiert als in Deutschland. Danach gehen alle Reste auf abgeschlossene Deponien zur Endlagerung.

Mit einer echten Kreislaufwirtschaft mit geschlossenen Kreisläufen hat das aber auch nicht wirklich etwas zu tun. Genau die müssen wir meines Erachtens aber aufbauen, um Ressourcen effektiv zu schonen.

Coca-Cola verkauft 120 Milliarden Flaschen pro Jahr –

das sind 4000 verkaufter Flaschen pro Sekunde

Plastikatlas der heinrich-böll-stiftung

Plastik vermeiden statt recyceln

Wir werden nicht um eine Plastik-Vermeidungsstrategie herumkommen. Gegen die Plastikflut anrecyceln zu wollen, ist Utopie. Mindestens soviel sollten wir bislang gelernt haben. Der Verband der Plastikindustrie, PlasticsEurope, hat eine Steigerung der Kunststoffproduktion um 40Prozent bis zum Jahr 2030 angekündigt, in dieser Studie nachzulesen. So wird das also scheinbar nichts.

Das Gebot der Stunde heisst für uns Verbraucher daher Plastikvermeidung und -wiederverwendung statt Recycling. Und das ist auch in den meisten Fällen gar nicht schwer. Dies sind meine Top-5 der Plastikvermeidung:

#5 Mehrweg statt Einweg

Für viele Produkte, die im Supermarkt in Einweg-Plastikverpackungen angeboten werden, lassen sich umweltfreundlichere Alternativen finden. Obst und Gemüse – die ich persönlich lieber auf dem Wochenmarkt kaufe – kann man auch lose kaufen und ins mitgebrachte Gemüsenetz geben.

Milch, Olivenöl, Ketchup oder Senf werden auch im Glas angeboten. Zwar sollte man dann darauf achten, dass die Transportwege so kurz wie möglich gehalten werden, da Glas deutlich schwerer ist und mehr Emissionen beim Transport verursacht, aber konzentrieren wir uns mal weiter aufs Plastik, das durch den Einsatz von Glas definitiv vermieden wird.

Das Mehrweg-Prinzip gilt natürlich auch beim Transport des Einkaufs. Ich will mich nicht an der Diskussion beteiligen, ob die Mehrwegplastiktüte umweltfreundlicher ist als der Stoffbeutel. Solange diese Plastiktüte immer wiederverwendet wird, bin ich schon zufrieden.

#4 Einkaufen im Unverpackt-Laden

Wann immer es geht, kaufe ich in Unverpackt-Läden oder Hofläden ein, in denen ganz auf den Einsatz von Plastik von Einwegverpackungen verzichtet wird. Dort bekomme ich sogar Produkte wie Shampoo, Essig oder Öl lose gekauft und kann es mir in mitgebrachte Behälter nach Bedarf abfüllen.

In jüngster Zeit tauchen immer mehr dieser Läden in immer mehr Städten auf. Eine Übersicht über Unverpackt-Läden in der Schweiz gibt es hier.

#3 Alternativen finden

Das Schneidebrett in der Küche? Plastik. Der Messergriff? Plastik. Die Shampooflasche im Bad? Plastik. Die Trinkflasche für den Wanderausflug? Plastik.

Auch viele Gebrauchsgegenstände, die in deutlich kleinerem Umfang zu unserem Müllproblem beitragen, gibt es nicht nur in der Plastikvariante. Das Schneidebrett in der Küche gibt es auch aus Holz, Messer kommen mit soliden Metallgriffen, die ein Leben lang halten und die Trinkflasche für den Wanderausflug kann genauso gut aus stabilem und leichtem Aluminium gefertigt sein.

Viele Produkte im Bad, die in Plastikflaschen und -tiegeln kommen, lassen sich durch feste Alternativen ersetzen. So gibt es beispielsweise festes Haarshampoo oder Zahnpasta am Stiel, die den Job genauso gut verrichten wie die herkömmlichen Produkte.

Ein Tipp: Ich habe 33 Rezepte für über 300 Anwendungen im Buch “Fünf Hausmittel ersetzen eine Drogerie” gefunden und bin begeistert. Die meisten meiner Haushaltsreiniger, Pflege- und Kosmetikprodukte stelle ich mittlerweile selber her – ganz ohne den Einsatz von Plastik.

#2 “Nein” sagen

Immer öfter entscheide ich mich gegen den Kauf eines Produktes, weil mir die Art und Weise der Verpackung nicht gefällt. Wer seine Klamotten drei- und vierfach in Plastik verpackt, hat mich als Kunden verloren – egal was im Plastik steckt. Ich kann die Befriedigung meiner individuellen Gelüste nicht dem Wohl des Planeten gegenüber stellen, ohne mir eine blutige Nase zu holen.

#1 Selbermachen

Die beste Vermeidungsstrategie für Plastik ist immer noch das gute, alte Do it Yourself. Wer Produkte zuhause selber herstellt, hat nicht nur die vollständige Kontrolle darüber, was im Produkt drin ist, sondern kann auch den Einsatz von Einwegplastik – und nur darüber reden wir hier – komplett vermeiden.

Ob Zahnpasta, Mehrzweckreiniger oder Brot, ob Hustensaft, ein Peeling oder Knete für die Kinder – es gibt unzählige Dinge, die man selber herstellen kann. Wie das funktioniert, habe ich im Artikel “Do it yourself für ein nachhaltigeres Zuhause” beschrieben.

Acht Recycling-Mythen

Zum Abschluss möchte ich noch mit ein paar Mythen rund um Kehricht und Recycling aufräumen. Sind Getränkekartons wirklich so umweltfreundlich? Gehören Briefumschläge mit Fenster ins Altpapier? Und ist es eigentlich egal, ob der Deckel am Jogurtbecher dranbleibt?

Mythos #1: Getränkekartons sind super umweltfreundlich

Getränkekartons bestehen aus Pappe, Plastik und Aluminium. Sie sind extrem leicht, was sich positiv auf die Umweltbilanz auswirkt, da sie mit einem geringeren Energieeinsatz transportiert werden können. Allerdings ist es sehr schwer, die einzelnen Materialien der Kartons zu trennen. Plastik, Aluminium und Pappe sind so miteinander verklebt, dass sie nur schlecht zu recyceln sind.

Aktualisierung vom 26. 6. 2020

Mich hat eine E-Mail vom Verein Getränkekarton-Recycling Schweiz erreicht, in dem folgendes zu lesen war:

“Der Mythos #1 ist nicht korrekt. Getränkekartons können in einer normalen Papierfabrik recycelt werden (aus den 75% Papierfasern wird wieder Karton. Die 25% Poly-Al-Gemisch werden in der Schweiz noch verbrannt, im Ausland gibt es neue Recyclingverfahren). In der Schweiz ist das die Model AG, die eine solche Anlage hat, die alle Getränkekartons verwerten könnte, die in der Schweiz anfallen. Der Prozess an sich ist nicht schwierig, bei Interesse sieht man auf unserer Website (unter Aktuell) auch ein paar Eindrücke, wie er genau abläuft. An was es in der Schweiz aber fehlt sind Sammelstellen. Wir setzen uns dafür ein, dass sich das ändert.”

Der Verein Getränkekarton-Recycling Schweiz, der sich aus den Unternehmen Tetra Pak (Schweiz) AG, SIG Combibloc (Schweiz) AG und Elopak Systems AG, zusammensetzt, hat Recht. Das Papier wird in einer sogenannten Auflösetrommel unter Zugabe von kaltem Wasser vom Plastik und Aluminium getrennt. Danach wird der Papier- bzw. Faserbrei beispielsweise zu Hygienepapier, Wellpappe und anderen Produkten verarbeitet.

Ganz so einfach, wie der Verein es gerne hätte, ist die Trennung des Aluminium- und Plastikanteils dann aber doch nicht. Um genau zu sein wäre das Verfahren so umständlich und teuer, dass der ganze Restschrott gemahlenem Naturstein beigesetzt und zu Zement verarbeitet wird. Oder man verfährt wie in der Schweiz und verbrennt das Ganze. Das hat allerdings einen Haken. Nach der EU-Abfallrahmenrichtlinie (2008/98/EG) stellt die energetische Verwertung oder die Aufbereitung von Abfall zu Brennstoffen kein Recycling dar.

An der Grundaussage des Mythos, dass Getränkekarton super umweltfreundlich seien, hat sich also nichts geändert, auch wenn die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit der Hersteller von Getränkekartons das gerne so hätte. Zwar ist der Getränkekarton in Sachen Klimaverträglichkeit der Glasflasche um einiges voraus, das macht ihn aber noch lange nicht zum Platzhirschen in Sachen Umweltfreundlichkeit.

Mythos #2: Papiertüten sind besser als Plastiktüten

Papiertüten, vor allem wenn sie ungebleicht sind, sehen auf den ersten Blick umweltfreundlich aus. Gesamtökologisch betrachtet sind sie allerdings keinen Deut besser als die herkömmliche Plastiktüte. Papiertüten werden fast immer aus Frischfasern hergestellt. Tüten, die komplett aus reinem Altpapier produziert werden findet man kaum.

Um die Klimabilanz auszugleichen, müssten Papiertüten dreimal so oft genutzt werden wie eine Plastiktüte aus Erdöl. Die Herstellung der Zellulose ist einfach zu energie- und wasseraufwändig.

Mythos #3: Glasflaschen sind besser als Dosen

Einweg-Glasflaschen bilden gemeinsam mit Aluminiumdosen das klare Schlusslicht hinsichtlich ihrer Ökobilanz. Glas sammelt Minuspunkte in Sachen Energieaufwand und Gewicht. Obwohl der Anteil an Recyclingmaterial verhältnismässig hoch ist, kostet das Einschmelzen und Herstellen neuer Flaschen einfach zu viel Energie.

Außerdem macht sich das hohe Gewicht von Glasflaschen beim Transport auf der Strasse bemerkbar. Während ein Lkw, der Bier in 0,33 Liter Glasflaschen geladen hat, nur 10.000 Liter zum Bestimmungsort bringt, kann ein Laster, der Dosen desselben Volumens geladen hat, 23.000 Liter auf einmal bewegen.

Die Dosen sind in ihrer Ökobilanz aber nicht weniger schlimm. Obwohl die Sammelquote von Aluminium mit zu den höchsten zählt, besteht der überwiegende Teil der Aludosen immer noch aus Primäraluminium. Die Produktion von Aluminium ist mit grossen Umweltbelastungen verbunden und der Abbau des Rohstoffs Bauxit findet unter fragwürdigen Bedingungen und Umweltschutzstandards statt.

Mythos #4: Die Farbe spielt beim Altglas keine Rolle

“Die kippen das im Lastwagen eh’ alles zusammen. Da werd’ ich doch nicht anfangen, das Glas nach Farben zu sortieren.” Solche Aussagen höre ich immer wieder von Menschen aus meinem persönlichen Umfeld, doch sie sind falsch. Schon kleine Mengen von Buntglas im Weissglas können dazu führen, dass aus dem rezyklierten Glas kein neues Weissglas mehr entstehen kann.

Die Lkw, mit denen das Altglas abgeholt wird, verfügen selbstverständlich über ein Kammersystem, in dem das Weissglas vom Buntglas fein säuberlich getrennt gelagert wird. Mittlerweile gibt es Sensoren, die auch relativ kleine bunte Scherben aus dem Weissglas herausfischen können, bevor dieses eingeschmolzen wird, aber längst nicht jede Glashütte verfügt über die benötigte Technik.

Recycling von Altglas, Foto eines Lastwagens
Foto: Austria Glas Recycling

Mythos #5: Die Deckel können aus dem Altglas bleiben

Deckel haben grundsätzlich nichts im Altglas verloren und sollten gesondert entsorgt werden. Zwar können moderne Sortieranlagen in der Glasaufbereitung Verschlüsse aus Metall oder Plastik aussortieren, dafür ist aber ein höherer Energieaufwand nötig. Wenn wir die Verschlüsse schon vorher entfernen und entsprechend entsorgen, muss die Sortieranlage weniger arbeiten und verbraucht weniger Energie.

Mythos #6: Die Deckel können am Becher dranbleiben

Viele Menschen reissen den Deckel von Jogurtbechern und ähnlichen Verpackungen nicht ganz ab. Vielmehr wird er nach hinten weggeklappt und nach dem Auslöffeln des Bechers in denselbigen gestopft. “Das sortieren die in der Recyclinganlage aus”, heisst es auf Nachfrage oft.

Leider ist dem nicht so. Der Deckel ist aus Aluminium und wird in der Anlage von einem starken Magneten angezogen, der über dem Förderband hängt. Alles Metall, das daran hängen bleibt, geht in die Metallaufbereitung. Hängt an dem Metalldeckel allerdings noch ein ganzer Becher aus Plastik, sortiert eine Maschine das ganze Teil vor dem Einschmelzen aus.

Damit steht weder der Kunststoff, noch das Aluminium für die Wiederverwertung zur Verfügung und wird verbrannt. Ein Haufen Energie für immer verloren. Es ist also durchaus sinnvoll, den Deckel vom Becher abzureissen und gesondert in den Recyclingmüll zu geben. So kann er vom Magneten individuell erfasst und sortenrein abgelegt werden.

Mythos #7: Fensterumschläge können ins Altpapier

Das Recyceln von Briefumschlägen mit transparenten Plastikfenstern ist nicht unproblematisch und kann nicht von jeder Recyclingfirma bewerkstelligt werden. Der Latexgummi dieser selbstklebenden Umschläge verstopft die Maschinen, während das Plastik das recycelte Papier verunreinigt. Wer es richtig machen möchte, entfernt sowohl das Sichtfenster als auch die Klebelasche, bevor der Rest ins Altpapier geht.

Mythos #8: Jogurtbecher dürfen nur ausgewaschen ins Recycling

Bei der Beantwortung dieses Mythos kommt es drauf an, wen man fragt – meine Mutter oder die Industrie. Während meine Mutter kategorisch jeden Jogurtbecher, Sahnebecher und Was-auch-immer-Becher auswäscht (“Junge! Das fängt doch an zu stinken!”), ist es dem Recycler völlig egal. Der wäscht die Plastikflakes, zu denen der Jogurtbecher geschreddert wird, ohnehin unter extrem hohen Temperaturen, bei denen alle anhaftenden Reste entfernt werden.

Meiner Mama ist das völlig egal. Was sie nicht sie selbst gewaschen hat, KANN doch gar nicht richtig sauber sein…

Fazit

Bei den offiziellen Recyclingquoten wird geschummelt und zwar in jedem Land. Nur ein Bruchteil dessen, was eingesammelt wird, kommt tatsächlich als neues Produkt erneut auf den Markt und wenn, dann oft in minderer Qualität.

Die einzigen, die mit offenen Karten spielt, ist die Plastikindustrie und die will bis zum Jahr 2030 den Ausstoss an Kunststoffen um 40 Prozent erhöhen. Die Leidtragenden sind die Umwelt und ihre Menschen. In vielen südostasiatischen Ländern spielen sich rund um illegale Mülldeponien dramatische Szenen ab und die Umwelt ist für Jahrzehnte stark beschädigt.

Wir können diese Plastikflut nicht mit Recycling stoppen. Vermeidung statt Verwertung muss daher für jeden von uns das Gebot der Stunde lauten.

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